Rituale und ihre Bedeutung in der Kindertagespflege


5.1. Definition: Was sind Rituale ?

Erklärung:

Rituale (von lateinisch ritualis ‚den Ritus betreffend‘ sind immer wieder-kehrende Abläufe, zu denen Worte, Gesten und Handlungen gehören. Über das nur Sichtbare hinaus sind Rituale mit symbolischen Bedeutungen versehen. Der Ablauf wird zu bestimmten Ereignissen in gleicher Form wieder-holt und prägt sich so in das Gedächtnis ein. Rituale sind Handlungen, die Freude steigern und zum Ausdruck bringen sollen. Das Anlegen festlicher Kleidung zur Hochzeit, das geheimnisvolle Öffnen der Tür zu Weihnachten, das gemeinsame Singen eines Liedes nach einer Zusammenkunft prägen das Erlebnis tiefer ein. Jedes Ritual hat einen bestimmten Anfang und ein Ende. Die Beteiligten müssen diese Begrenzung akzeptieren. Das Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte, das Anzünden einer Kerze zu einem bestimmten Anlass sind genauso Rituale wie die Gestaltung einer Hochzeit. Rituale scheinen ein Grundbedürfnis der Menschen zu sein, denn man findet sie in allen Kulturen und zu allen Zeiten. Sie gehören zum ältesten Menschheitserbe. Von alters her werden Lebensabschnitte, Jahreslauf und auch Wochen und Tage durch besondere Rituale an den Übergängen mit Hilfe von speziellen Riten und Bräuchen unterteilt: Zum Schulbeginn gehört die Schultüte, zum Jahresschluss die Silvesterfeier, zum Wochenende der Sonntag, zum allabendlichen Abschied der „Gute Nacht"-Gruß.

(http://www.pflegekinder-hamburg.de/docs/10482/ueber-die-funktion-und-bedeutung-von-ritualen.aspx, 07.01.2013)


5.2 Herkunft: Wie entstehen Rituale ?


Zu allen Zeiten haben Menschen Rituale ersonnen - ihre Wurzeln sind uns oft nicht bekannt. Sie beruhen auf Traditionen, die von Älteren an Jüngere weitergegeben werden. Manche Rituale „schleichen sich ein".

Keiner weiß, wie es dazu kommt, dass sich eine Gruppe von Menschen plötzlich nur noch durch das Aneinanderschlagen von Händen begrüßt; keiner, warum alle erst mit dem Essen anfangen, wenn auch die Mutter ihren Teller gefüllt hat. Rituale können aber auch ganz besonders erdacht und - z. B. von Eltern in das Familienleben - sehr bewusst eingeführt werden: Tischsitten, Begrüßungsregularien, Tagesende-Zeremonien, Streit-Ende-Rituale etc..

(http://www.pflegekinder-hamburg.de/docs/10482/ueber-die-funktion-und-bedeutung-von-ritualen.aspx, 07.01.2013)


5.3. Unterscheidung: Welche Arten von Ritualen gibt es ?


Als Grundlage für die Unterscheidung von Ritualen nehme ich den Tagesablauf in unserer Kindertagespflegeeinrichtung.


5.3.1 Abschieds- und Empfangsrituale


Vielen Kindern in der Tagespflege fällt es schwer, sich von der Mutter zu trennen. Hier ist es wichtig, das Kind zu unterstützen und das Verabschieden leichter zu machen. Ein schönes Ritual ist z.B. ein Abschiedskuss. Es schließt sich direkt unser Empfangsritual an. Die Kinder werden begrüßt, ziehen ihre Schuhe aus und Hausschuhe an. Dann hängt das Kind seine Jacke an den für es persönlich reservierten Haken. Die Abschieds- und Empfangsrituale helfen, denn sie geben eine innere Ordnung und Sicherheit.

5.3.2 Das Morgenritual


Der Morgen ist eine Übergangsphase in den Tag. Die Nacht endet und ein neuer Tag beginnt. Besonders hier sind zuverlässige Rituale wichtig. Haben die Tageskinder bei uns übernachtet, werden sie behutsam geweckt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten hierfür, Rituale zu finden. Manche lassen sich gern mit sanfter Musik wecken, andere kuscheln lieber und werden langsam wach dabei. Wichtig hierbei ist, dass es nicht die aufwendigsten, originellsten Rituale sein müssen, sondern, dass sie regelmäßig,

verlässlich und ohne Hektik eingesetzt werden.


5.3.3 Das Frühstücksritual


Für viele Familien ist das Frühstück das erste Zusammentreffen des Tages. Das gilt auch für den gemeinsamen Start in den Tag mit den Tagespflegekindern. Besonders hier kann man viele Rituale einbauen, die auch für die Eltern sehr nützlich sein können. Wir haben einen Gebetswürfel, und beten gemeinsam ein Morgengebet. Ein Tagespflegekind, das zu Hause kein Gebet kennen gelernt hat, verlangt bei uns regelrecht nach diesem Ritual. Das zeigt welche Bedeutung Rituale für Kinder haben.


5.3.4 Rituale am Esstisch


Mahlzeiten haben innerhalb des Tagesablaufes in der Tagespflege eine große Bedeutung. Mahlzeiten sind immer ein soziales und kulturelles Ereignis, gemeinsam zu essen macht Spaß und ist unterhaltsam. Die Kinder berichten was sie in der Schule erlebt haben - die soziale Komponente des gemeinsamen Essens ist für Kinder besonders wichtig. Sie essen mit größerem Appetit und genießen die gemütliche Atmosphäre am einladend gedeckten Tisch mit appetitlich angerichteten Speisen. Mit den Kindern entwickelte Rituale geben den Mahlzeiten die nötige Ruhe. Die Kinder helfen auch beim gemeinsamen Tischdecken und Abräumen. So beteiligen sie sich aktiv und lernen gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen.


5.3.5 Das Aufräumritual


Kinder vertiefen sich nur allzu gern in ihr Spiel und mögen es nicht, wenn sie herausgerissen werden. Daher sollte das Spielende nicht abrupt sein. Wir kündigen z. B. vorher an: „In 10 Minuten wird gegessen. Kommt zum Ende und räumt bitte gleich auf.“ Oft fällt es den Kindern auch schwer aufzuräumen und sie haben keine Lust dazu, was auch sehr oft zu Streitereien führt, wer mit welchem Spielzeug gespielt hat und wer es daher aufräumen soll. Auch hier gibt es ein paar schöne Rituale,

welche helfen können. So kann z.B. das Aufräumen als Wettbewerb gestaltet werden. Wer hat sein Spielzeug am schnellsten und ordentlichsten aufgeräumt? Auf diese Weise hat jedes Kind einen Anreiz und das Aufräumen wird eine gemeinsame Gruppenaktion, die auch noch Spaß machen kann.


5.3.6 Einschlafrituale


Nicht nur in der Kindertagespflege, sondern auch zu Hause in der Familie ist es wichtig mit Ruhe und Ritualen in die Mittags- oder die Nachtruhe zu gleiten. Hier fängt es schon mit einem frisch gelüfteten Zimmer und einem abgedunkelten Raum an. Ein Lied zum Einschlafen oder ein Hörspiel beruhigt und entspannt, genauso wie eine Einschlafgeschichte. Besonders in diesen Phasen sind Kinder besonders kuschel- und schmusebedürftig. Dem kann man gerecht werden, indem man zu jedem Kind geht, es zudeckt und nochmals streichelt. Eine solche entspannende Umgebung hilft, dass Kinder sich sicher und geborgen fühlen, schnell einschlafen und somit neue Kräfte sammeln können.


5.3.7 Wasch- und Körperpflegerituale


Insbesondere bei Babys und Kleinkindern sollte man die Körperpflege zum Ritual werden lassen und die Pflegehandlungen wie Wickeln, Anziehen und Waschen mit Worten oder Liedern begleiten. Es ist zu beachten, dass man sie regelmäßig in der gleichen Reihenfolge durchführt. Schön ist es auch, wenn man das Kind einmal am Tag zu einem geeigneten Zeitpunkt massiert. Auch bei Kindergarten- und Schulkindern kann man die Körperpflege mit spielerischen Ritualen unterstützen. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Zähneputzen bei einem Lieblingslied (statt die übliche langweilige Sanduhr)?


5.4. Funktion: Was bewirken Rituale ?


Rituale strukturieren Tagesabläufe genauso wie ganze Lebensabschnitte. Rituale geben Regeln vor, sie setzen und überwinden Grenzen.

Rituale charakterisieren große und kleine Gemeinschaften. Sie geben ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, grenzen sie aber auch voneinander ab. So singt jedes Volk seine eigene Nationalhymne, jede Partei hat eine andere Grußformel, jede Familie hat andere Tischregeln, jedes Liebespaar tauscht andere Zeichen der Zuneigung aus. Dem Kundigen sagen die Rituale „Du gehörst dazu", den Unkundigen aber schließen sie aus. Rituale geben dem Alltag eine Struktur. Das „Grau" wird unterbrochen. Mit den Ritualen wird Zusammengehörigkeit und Freude ausgedrückt. Die Kerze, die regelmäßig am Abendbrottisch angezündet wird, kann ein Ritual sein, das neben dem Licht auch Geborgenheit ausdrückt. Rituale bauen Brücken zwischen den Teilnehmern. Das gilt für die Unterschrift unter einen Staatsvertrag genauso wie für ein in der Familie eingeübtes Ritual der Versöhnung nach einem Streit. Rituale können helfen, Leid zu ertragen und zu überwinden. Ein gemeinsames Ritual, zum Beispiel zur Erinnerung an die verstorbene Oma, hilft den Schmerz zu überwinden und gibt Gelegenheit, über die guten und weniger guten Zeiten zu reden, die man mit ihr verlebt hat. Rituale können eine besondere Situation herausstellen, wie das Feiern von Festen, die der Kalender vorgibt. Sie können aber auch eine Person in den Mittelpunkt stellen, wie z. B. das Feiern von Geburtstagen, Einschulungen, Hochzeiten. Auch wenn es manchmal nicht so aussieht: Das Interesse, das andere dem Betroffenen durch das Ritual bezeugen, kann sein Selbstwertgefühl erheblich steigern. Weil sie etwas Besonderes sind, prägen Rituale sich ein - sie werden zu Fixpunkten der Erinnerung.

(http://www.pflegekinder-hamburg.de/docs/10482/ueber-die-funktion-und-bedeutung-von-ritualen.aspx, 07.01.2013)


5.5. Welche Bedeutung haben Rituale für Tagespflegekinder?


Tagespflegekinder haben es mit Familienritualen der Tagespflegefamilie zunächst einmal schwer, denn sie müssen sie in Übereinstimmung bringen - mit denen, die sie bisher gekannt haben. Gerade in der Eingewöhnungsphase sind Rituale besonders hilfreich , denn sie erleichtern die vorübergehende Trennung, z. B. durch ein Abschiedsritual.

Tagespflegekinder müssen in einer für sie völlig neuen Umgebung mit einer neuen Bezugsperson klarkommen. Die dafür notwendige Sicherheit kann durch Rituale unterstützt werden. Rituale strukturieren den Alltag und geben die nötige Geborgenheit um sich in inmitten des neuen Chaos zurecht zu finden und zu behaupten. Besonders Kleinkinder haben noch kein Zeitgefühl. Sie lernen durch wiederkehrende Rituale die Zeit übersichtlich und beherrschbar zu gestalten. Auch für die Entwicklung sozialer Kontakte sind Rituale notwendig. Rituale die in einer Gruppe stattfinden, z. B. Gemeinsames Essen oder Feiern stärken das Gefühl zu einer Gruppe, einer Familie oder einem Freundeskreis dazu zu gehören. Darüber hinaus haben Rituale auch therapeutischen Charakter. So kann z. B. Die Beerdigung eines liebgewonnenen Haustiers einem Kind helfen den Verlust zu überwinden.


Als Fazit dieser Aufstellung kann man sagen: Rituale helfen erziehen!


Rituale

- helfen Zeit sparen

- machen lange Erklärungen überflüssig

- ermöglichen klare und eindeutige Verständigung

- strukturieren den Erziehungs- und Schulalltag

- bieten Orientierungshilfe bei Übergängen z. B. von Konzentration und Entspannung

- vermitteln persönliche Geborgenheit und Sicherheit

- initiieren und stabilisieren soziales Verhalten


Um Tageskindern den Alltag zu erleichtern und sie an die neue Situation zu gewöhnen, sind Rituale äußerst wichtig. In Verbindung mit den anderen Bausteinen ermöglichen sie Kindern sich in einer immer unübersichtlicheren Welt zurechtzufinden und ihren Alltag zu strukturieren und zu gestalten.


5.6 Quellenverzeichnis:


http://www.kita-fachtexte.de/

- Hannelore Kleemiß, 2011, Rhythmus, Konstanz, Rituale und ihre
Bedeutung für die pädagogische Arbeit mit Kindern in den ersten
Lebensjahren

http://www.pflegekinder-hamburg.de

http://de.wikipedia.org

http://www.hoppsala.de

http://www.hausarbeiten.de

- Sandy Brunner, 2007, Kinder und Rituale

- Nicole Wuttke, 2010, Rituale für Kinder

Charmaine Liebertz, 1999, Das Schatzbuch ganzheitlichen Lernens